Oft verbergen die "Geheimnisse" ein von einem Handwerker übermitteltes Rezept, ohne dass sein Erbe oder sein Nachfolger
dessen technische Tragweite versteht ...
Problematik des Übermittelns von Mathieu Barrois
Geheimnis und Rezept
Wenn man vom Handwerk oder von der künstlerischen Tätigkeit spricht, schaltet sich häufig das Geheimnis in die
Unterhaltung ein. Historisch gesehen enthält jede Technik, jede Werkstatt Geheimnisse, die die Originalität seiner Marke
begründen und deshalb eifersüchtig bewahrt werden. In China, in Japan, in Venedig ist es den Papiermachern, den
Töpfern oder Glasbläsern unter Todesstrafe verboten, die Werkstattgeheimnisse zu verbreiten. Die Statuten der Inquisition
des Staates von Vendig verfügen: "Wenn ein Arbeiter oder Künstler seine Kunst in ein fremdes Land bringt, wird ihm die
Aufforderung geschickt zurück zu kehren. Leistet er ihr nicht Folge, werden die Personen, die ihm am nächsten sind, ins
Gefägnis gesteckt, um seinen Gehorsam zu erreichen. Wenn er darauf beharrt, im Ausland zu bleiben, wird man jemanden
beauftragen,ihn zu töten".Zunächst sind es die Kriege, die Gefangenen des einen oder anderen Lagers, die das Bollwerk
des Geheimnisses empfindlich verringern. Im V. Jahrhundert entführen die Japaner chinesische Papiermacher, um deren
Verfahren in Japan einzuführen. Die Kreuzfahrer
, von den Mauren gefangen, entfliehen aus ihren Kerkern und bringen das Papier
nach Europa. Nach und nach erscheinen technische Abhandlungen. Der Mönch Theophilus, Bernard Palissy, Cennino Cennini, jeder
ist in seiner Art ein Pionnier und trägt durch seine Schriften zur Entwicklung der Wissenschaften und der Kentnisse bei.
Heute ist die Sitaution anders. Der Mensch der Renaissance, ehrbarer Mensch des XVII. Jahrhunderts, der Weise der Aufklärung
lässt seinen Platz dem Wissenschaftler, dem Spezialisten einer immer stärker spitzfindigeren Kompetenz in diesem oder
jenem physischen Phänomen. Die Theorie und die Praxis haben den Graben weiter vertieft, der sie trennte.
Oft verbergen die "Geheimnisse" ein von einem Handwerker übermitteltes Rezept, ohne dass sein Erbe oder sein Nachfolger
dessen technische Tragweite versteht. Man muss also die Anweisung streng befolgen, ohne sich von ihr zu entfernen, weil die
geringste Abweichung die Katastrophe wäre und Unverständnis. Aber das Geheimnis ist ein entscheidendes Kapital für
die Riten, die Mystik und die persönliche Aura seines Inhabers. Da, wo die Spitzentechnologien ihre Erfindungen schützen,
verdienen die altüberlieferten Verfahren vielleicht ein wenig mehr Öffnung. Wenn man von den Rohmaterialien ausgeht,
ist es wichtig, ihre physikalisch-chemischen Eigenheiten zu kennen, bevor man mit dem Experimentieren beginnt. Das Geheimnis liegt
mehr im Verständnis der Prinzipien, in der Anhäufung von Wissen und in der Leidenschaft.
Das Geheimnis und seine Übermittlung sind wundervoll dargestellt durch einen 1580 veröffentlichten Text von Bernard
Palissy. Es handelt sich um einen Dialog zwischen zwei Personen, Praxis und Theorie genannt, wobei der erstere dem anderen
versprochen hat, ihm die "Kunst der Erde" beizubringen. Praxis berichtet von 25 Jahren Suche, von Misserfolgen, von Hoffnungen
und von Freude. Ungeduldig unterbricht Theorie ihn und fordert, die Zusammensetzung der Emaille zu erfahren. Praxis antwortet ihm:
"Die Emaille, mit der ich arbeite, besteht aus Zinn, Blei, Eisen, Stahl, Antimon, saphre, Soda, Asche, Bleiglätte und Stein
aus dem Perigord. Das sind die reinen Stoffe, aus denen ich meine Emaille mache." Theorie muss nur die Stoffe kennen lernen,
wenn er das Maß kennt, das Rezept.
Also antwortet ihm Praxis, "Die Fehler, die ich gemacht habe, als ich meine Emaille ins Maß setzte, haben mich mehr gelehrt,
dass es keine Sachen sind, die leicht zu finden sind, weshalb ich der Meinung bin, dass du für die besagte Sache ebenso
arbeiten sollst wie ich, denn sonst bekämst du Wissenschaft zu billig und das könnte die Ursache für dich sein,
ihr zu misstrauen".
Die Gesten einüben
Die Praxis auf die tägliche Speisekarte des Konservatoriums zu setzen, ist ein Akt einfacher und gesunder Bescheidenheit.
Das bedeutet, das unverzichtbare Wissen des anderen, des Handwerkers anzuerkennen. Die Reise in das Land der Farben ist reich
an Begegnungen, an Leidenschaften und an Abenteuern. Der ehrbare Mensch des XVII. Jahtrhunderts verband "seit seiner Geburt"
die Gaben des Körpers, die Kultur des Geistes, den Geschmack an der Poesie, die Redlichkeit, die christlichen Tugenden.
Der von heute muss imstande sein, seine Wissenslücken zuzugeben und bei jemand anderem das Wissen abfordern, das ihm fehlt.
Die Anstrengungen zu vereinen, arbeiten, die Fehlschläge zu vergleichen und die Erfolge, einen Teil der Baumstruktur des
Wissens zu teilen, ist möglich, sobald die Wesen mit Neugier, Offenheit des Geistes und mit Leidenschaft begabt sind.
Das Interesse für die Techniken selbst ist relativ neu. Aus Mangel an jeglicher Information als der Farbe selbst, haben
gewisse Archäologen und Vorgeschichtler versucht, die verschwundenen Techniken zu verstehen und selbst die Werkzeuge und
Zeichnungen zu reproduzieren. Von der Kenntnis des Objekts schritt man voran zur Kenntnis der Gesten, der Praktiken. Diese
experimentelle Archäologie hat sich aus anderen Disziplinen für wesentlich jüngere Zeitabschnitte entwickelt.
Es ist immer auffallend festzustellen, dass es mit den heutigen Techniken so schwierig sein soll, ein Rohr aus römischem Blei
herzustellen. Noch nie sind die theoretischen Kenntnisse derart entwickelt gewesen und zur gleichen Zeit ist es derat schwierig,
gewisse alte Techniken zu reproduzieren. Tun um zu verstehen. Parallel zum Sammeln der Zeugnisse von Elie Icard aus seiner Erfahrung
als Ockerarbeiter haben wir zusätzliche Informationen beim Experimentieren bemerkt.
Die Erfahrungen kreuzen
Für die Experimente und aus der Idee heraus, die Wissenschaft zu feiern, bringen die Partnerschaften dem Konservatorium
Wissenschaftler, Industrielle und Universitätsmitarbeiter, um mit Hilfe alter Ockerarbeiter, die ganze oder einen Teil der
alten Fabrik wieder aufzubauen. Symbolisch zeigt sich das neue Leben des Konservatoriums den Augen aller anlässlich
der ersten Brennung im Oktober 1996. Bei dieser Gelegenheit haben die SEPR (Société Europé©enne de
Produits Réfractaires) und die École des Mines d'Alès 24 Stunden lang alle Operationen ausgeführt
unter der Aufsicht von Elie Icard und Roger Arnaud. Jener Abend und die folgende Nacht werden für alle eine Magie behalten,
der der das Erscheinen gewisser Silhouetten experimenteller Knochenkunst (Mammuths, Bisons und Pferde) nicht fremd ist.
1999 wurde dieselbe Operation erneut durchgeführt in Zusammenarbeit mit der SEPR und der CREPCO, (Centre de REcherche en Psychologie
Cognitive) der Universität der Provence, dieses smal mit der Absicht, den Vorgang der Übermittlung des Know-how zu analysieren,
der an die Kalzination des Ockers gebunden ist. Das Ziel war, von Elie Icard die Art zu lernen, wie man den Ofen mit den Klumpen
füllt, um die Bedingungen einer oxidierenden Brennung zu erfüllen und einer dritten Person diese Information zu vermitteln,
die diese Aufgabe noch nie ausgeführt hat. Alle Gesten sind gefilmt und dann erklärt worden.Diese Operation ist Gegenstand
eines Videos, das die Methode M3A (Méthode Autonome d'Analyse des Activités von Jean-Pierre Poitou illustriert.
Sich der Realität stellen, sich fragen, das erlaubt, neue Fragen zun stellen, die Antworten besser zu verstehen und
in der technischen Kenntnis des Themas voran zu schreiten.
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